Donnerstag, 3. Januar 2013

Morgen ....

Alfred Sisley, Februar Morgen bei Moret sur Loing. 1881.
Rainer Maria Rilke an seine Frau.

An Clara Rilke Capri, VillaDiscopoli (Italien), am 1. Januar 1907


Der heutige Morgen fing so strahlend an, nun wird ein
grauer Tag daraus; aber zuerst war ein Glänzen wie von
einem ganz neuen, nie gebrauchten Jahr. Und die Nacht
war eine helle, ferne, die über viel mehr als nur über der Erde
zu ruhen schien; man fühlte, daß sie über Meeren lag und
weit drüber hinaus über dem Raum, über sich selbst, über
Sternen, die ihren Sternen entgegensahen aus unendlicher
Tiefe. Das alles war in ihr gespiegelt und von ihr über die
Erde gehalten und schon kaum mehr gehalten: denn es
war wie ein beständiges überfließen von Himmeln ....
Ich war wieder zu meinem kleinen Hause zurückgegangen
und stand oben auf seinem Dach und wollte in dem allem
ein gutes Ende sehen und einen guten Anfang in mir finden.
Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns ge-
geben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll nie
getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung; und
wollen sehen, daß wirs nehmen lernen, ohne allzuviel fallen
zu lassen von dem, was es zu vergeben hat, an die, die Not-
wendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen.

Aus einem Brief an Clara Rilke, 1.1.1907

Rainer Maria Rilke beendet den Brief mit den Worten:

"Ich war wieder zu meinem kleinen Hause zurückgegangen
und stand oben auf seinem Dach und wollte in dem allem
ein gutes Ende sehen und einen guten Anfang in mir finden.
Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns
gegeben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll
nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung;
und wollen sehen, daß wirs nehmen lernen, ohne allzuviel
fallen zu lassen von dem, was es zu vergeben hat, an die,
die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen.
. . . . Guten Neujahrsmorgen . . . ."

[Quelle: Rainer Maria Rilke, Briefe aus den Jahren 1906-1907, Insel-Verlag, 1930]

Paula Moderson Becker, Zeichnung von Clara Westhoff Rilke. ca. 1902.



Rilkes Capri | Mein Blog -  Mit Rilke durch das Jahr - Sonntagsthema
Eintrag in das Gästebuch der Villa Dicopoli von den Rilkes, Rainer und Clara.
Quelle: Bild Tumblr
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